Eigentlich wollte ich gleich nach den ersten gro?en Meldungen um den Papsttod einen Artikel dr?ber schreiben. Dann erschien mir das aber irgendwie bl?dsinnig, denn es berichtet ja eh schon jeder dr?ber.
Warum dann jetzt? Es gab viele kontroverse Diskussionen dar?ber ob man sich jetzt freuen soll dass der Papst als ?ffentlicher Vertreter der konservativen katholischen Kirche gestorben ist, ob man trauert weil er vielleicht doch viel "gutes" getan hat oder ob es einem am Allerwertesten vorbeigehen sollte.
However, ich habe mich bisher damit besch?ftigt, im Stillen ein paar Dinge aus den Berichten zu lernen und denke, ich kann nun einigerma?en ohne in ein Extremum zu verfallen das zusammentragen.
Ok, ein paar Fakten: Johannes Paul II. war der erste nicht-italienische Papst seit ?ber 500 Jahren. Er war jetzt 26 Jahre im Amt und ist daher f?r die heutige Generation "der Papst", da die meisten keinen anderen erlebt haben. Ein Vergleich dessen, was dieser Papst jetzt besser oder schlechter gemacht hat als seine Vorg?nger ist daher irgendwie nicht ganz einfach. F?r die Polen kann ich gut verstehen, dass die jetzt ganz gl?cklich ?ber einen gro?en Medienrummel sind, immerhin ist Polen jetzt nicht die Vorzeige-Katholiken-Hochburg.
Zum Kampf um die Sichtweise ob man jetzt
gl?cklich sein soll dass der Papst gestorben ist oder
eben doch nicht, teile ich im Ansatz Martin's Meinung, dass man so nicht reden sollte. Ich vermeide zu sagen, dass man das nicht "darf", denn reden zu verbieten ist ein anderer Quatsch.
Tats?chlich bin ich sicherlich der letzte, der jetzt um den Papst im speziellen trauert, denn ich bin weder gl?ubig, noch katholisch oder sonstwie von ?hnlichen Hirngespinsten eingenommen. Ich habe da augenscheinlich eine ?hnlich wissenschaftlich orientierte Meinung zu dem Thema wie sie Martin auf
seiner Website recht deutlich formuliert (nicht alles trifft auf mich zu, aber die Grundtendenz zur Religion schon).
Nun zu Lars' Ansicht:
Papst Johannes Paul II ist zu seinem Paps zur?ckgekehrt und hinterl?sst eine Stange grauenhafter Erinnerungen: Hetze gegen Verh?tung, ungez?gelte Homophobie, Verleumdung Abtreibung und Frauenrechten.
Hat Ex-Papst Karol Wojtyla wirklich diese Verbrechen begangen? Ich denke nicht, denn genau die selben Vorg?nge, Ansichten und Meinungen gab es in der katholischen Kirche wohl eindeutig schon vorher. Genauer: Wenn ich daran denke, wie ich die katholische Kirche definieren w?rde, k?me mir ausser den genannten nicht wirklich viel in den Sinn.
Ich finde, es ist in der Gesellschaft wie in der Politik auch, man
braucht alle beteiligten Positionen um ein vern?nftiges Ergebnis zu bekommen. W?ren in Deutschland die Gr?nen alleine an die Macht gekommen, dann w?rden wir jetzt vielleicht alle in Bastr?cken und alten Kartoffels?cken gekleidet kiffend in der Ecke sitzen und als gro?e geistige Einheit so regieren, dass irgendwie schon alle durchkommen. Arbeiten w?rde dann nur wer will. Das ist zwar meiner Meinung nach realit?tsfremd, aber dennoch irgendwie notwendig um der starken konservativen etwas Ausgleich zu geben.
So ist es halt auch andersrum, w?rde die katholische Kirche nicht ab und zu diesen ?berdrehten Schwachsinn von sich geben, w?rde das die Welt etwas mehr in eine andere Richtung lenken. Schauen wir nach China. Da ist die katholische Kirche der Regimegegner. Ist das schlimm? Ich finde nicht, eigentlich ist dort jeder Regimegegner sinnvoll.
Zudem ist due Kirche (jede Kirche) zu einem Teil auch an Hilfsma?nahmen und sozialer Betreuung beteiligt. W?rde ich auch nicht einfach untern Teppich kehren. Meiner Meinung nach br?uchte man dazu jetzt keine Kirche, das kann man auch einfacher haben. ;-)
Dennoch, die Kirche wird weiter existieren, solange es gl?ubige Menschen gibt. Auch wenn ich nicht dazugeh?re, kann ich doch keinen so rechten Hass auf diese Leute entwickeln, denn alles in allem finde ich das eher n?tzlich f?r die Gesellschaft. Und einen Glauben zu unterdr?cken oder zu kriminalisieren ist de facto eine Unterdr?ckung von Gedanken und Ansichten, dass das nicht gut ist, wissen wir ja. Solange es Leute gibt, die so denken, kann man das nicht unterdr?cken.
Man sollte nur etwas st?rker separieren, denn z.B. finde ich es ein Unding, dass in deutschen Schulen zwar Kopft?cher verboten werden, im Gegenzug aber Kruzifixe aufgeh?ngt werden. Geht's noch? Religi?se Symbole weg! Weit weg von den Stellen, an denen Sch?ler zum Aufenthalt verpflichtet werden! Es kann nicht angehen, dass man Leute die einfach nur ihrem (oder gar keinem) Glaube nachgehen wollen zum Christentum zwingt und sich sp?ter ?ber religi?s bedingte Anschl?ge aufregt. Leben und leben lassen, ist nicht grade neu der Spruch.
Religionsunterricht in deutschen Schulen sollte auch schon lange durch einen allgemeinen Ethik-Unterricht ersetzt werden. Abschaffen w?rde ich ihn nicht, da er Kindern unterbewusst etwas bringt. Ein Lernen losgel?st von einem festen Lehrplan ist wichtig und sinnvoll, soziale Kompetenz kommt in der Schule viel zu kurz, m?sste dort nebenbei vermittel werden. Ohne das mit Religion gleichzusetzen. Momentan hat leider die Kirche bei uns den Stellenwert des Ruhepols. Wenn sich jemand irgendwohin zur?ckziehen will, kann er in die Kirche gehen, eine ?hnliche Einrichtung gibt es von staatlicher Stelle nicht. Daf?r ist die Kirche zust?ndig. Ist ok, auch daf?r br?uchte man IMHO allerdings ebenfalls keine Kirche, das k?nnte man einfacher haben.
Nochmal: Der Papst ist definitiv nicht "schuld" an dem zahlreichen Bl?dsinn, den seine Kirche macht. Er k?nnte sich da garnicht anders verhalten. W?re er vom Typus anders, w?re er nie zum Papst gew?hlt worden. W?rde er sich nach seiner Wahl anders verhalten, w?re er vermutlich nicht lange im Amt. Was willst du tun, in einem Staat, der bis Oberkante Unterlippe gef?llt ist mit streng-gl?ubigen Katholiken? :)
Heute kam dazu auf Spiegel online
ein Interview mit Uta Ranke-Heinemann, Tochter des ehemaligen Bundespr?sidenten Gustav Heinemann und weltweit erste Professorin f?r katholische Theologie. Dort wird hemmunslos ?ber das Grundsatzpoblem der kathoischen Religion hergezogen. Wohlgemerkt von einer Professorin f?r katholische Theologie. ;-)
Ausz?ge:
Ranke-Heinemann: Nachdem ich mich 26 Jahre ?ber diesen Papst ge?rgert habe, habe ich mich bei seinem Tod mit ihm vers?hnt. Ich habe unter seinem Pontifikat zwar den Glauben verloren und meine, dass das Christentum weithin ein Irrtum ist - nicht jedoch die christliche Jenseitshoffnung.
[...]
SPIEGEL ONLINE: Freuen Sie sich schon darauf, den Papst im Himmel wiederzusehen?
Ranke-Heinemann: Ich will nicht anfangen zu phantasieren, doch ich habe den Eindruck, dass der Papst zuerst Maria trifft, die mit ihren mindestens sechs Geschwistern Jesu ihm entgegenkommt. Diese Geschwister sind ja im Neuen Testament genannt, wurden jedoch zum Schutz von Marias Jungfr?ulichkeit mit einem p?pstlichen Insektizid theologisch abgetrieben. Doch ich nehme diesen p?pstlichen Irrtum nicht so tragisch. Ich habe mich ja auch oft geirrt.
[...]
SPIEGEL ONLINE: Bleiben wir im Diesseits. Welche Reformen muss der neue Papst dringend angehen?
Ranke-Heinemann: Reformen stehen in der Kirche zwar an, werden aber nicht erfolgen. Denn die Unfehlbarkeit der Vorg?nger-P?pste hindert das selbst?ndige Denken der Nachfolger-P?pste. Die katholische Situation ist total verfahren wegen der Frauen- und Sexualfeindlichkeit. Die beiden gr??ten Kirchenspaltungen (zwischen Ost- und Westkirche 1054 und anl?sslich der Reformation Luthers um 1520) sind wegen der Frauenvertreibung, wegen des Z?libats erfolgt. Danach hat die Einsch?rfung des Z?libats seitens der Gegenreformation dazu gef?hrt, dass in wachsendem Ma?e Homosexuelle den hohen Klerus ?bernommen haben, die den Z?libat bestimmt nicht abschaffen werden, um jetzt pl?tzlich zu heiraten. Daher wird es eine Spaltung zwischen dem Klerus oben und den Leuten unten geben: Oben die Hirten, unten die Schafe. Die Frauen, ohnehin nichts anderes als Schafe, werden die M?nnerkirche in Scharen verlassen.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie eigentlich katholisch geworden?
Ranke-Heinemann: Darin zeigt sich meine damalige Unbildung. Mein Mann, mit dem ich seit meinem 17. Lebensjahr 56 Jahre unzertrennlich gewesen bin, war katholisch. Ich dachte, alle Katholiken seien so sanft und tolerant wie er. Auch fand ich die katholische Lehre von der Unaufl?slichkeit der Ehe gut, denn ich bin total monogam. Sp?ter sah ich, dass diese Lehre in der katholischen Kirche nicht wegen der ehelichen Liebe hochgehalten wurde, sondern wegen der Sexualfeindlichkeit.
[...]
SPIEGEL ONLINE: Wird es der neue Papst schwer haben, weil er st?ndig an Johannes Paul II. gemessen werden wird?
Ranke-Heinemann: Sollte der n?chste Papst auch 26 Jahre lang ein Show-Papst sein, dann werden ihn auch alle in ihr Herz schlie?en. Wenn er stirbt, wird auch er ein lieber Bekannter sein, der weggeht.
Alles in allem w?rde ich sagen, der Tod des Papstes ber?hrt mich nicht mehr als der Tod jedes anderen Menschen. Mit einem Unterschied: Ich finde es albern, kurzsichtig und irgendwie pubert?r wenn man sich jetzt freut dass der Papst gestorben ist. Daher f?hle ich eine gewisse Art von Mitgef?hl f?r den "schw?cheren", auf den alle einhacken. Es sind nicht alle, aber die aggressivsten.
Was mich aggressiv macht ist da eher die Berichterstattung dr?ber. Habe ich jetzt in einem eigenen
Artikel niedergeschrieben.